lectio difficilior

European Electronic Journal for Feminist Exegesis

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Sara Kipfer

Wie konnte das nur geschehen? Eine Untersuchung der Interaktion der Figuren in 2Samuel 13,1-22

2 Samuel 13:1-22 (= Sam) is probably one of the best-researched texts of the Hebrew Bible. At the same time it is a text that has a history of challenging exegetes to submit a personal commentary. With the help of the systemic approach as it is used in psychology, this article will show how categories such as ‘victim’ and ‘offender’ or ‘positive’ and ‘negative’ characters fall short when it comes to answering the question ‘How could this happen?’. 2 Sam 13:1-22 neither describes mere patriarchal structures of violence nor does it focus solely on the individual crime of a single person. Rather, sexual violence is to be seen in the context of networking, dependences and social dimensions of individual suffering. In this context, the present contribution addresses the structure of relationships and the interaction of the characters and tries to show how the act of rape in 2 Sam 13:1-22 is not the deed of an individual, but has to be located in a context of family relationships and complicity, of looking and overlooking, of making public and concealing.

1. Einleitung

„Wie konnte das nur geschehen?” Diese Frage stellt sich uns bei jeder Gewalttat, egal ob wir direkt Betroffene sind oder über die Medien davon erfahren, ob es sich um einen Amoklauf in einer Schule, einen Suizid, häusliche Gewalt oder einen sexuellen Übergriff handelt. Wie konnte das nur geschehen? Wir äußern mit dieser Frage Betroffenheit und suchen eine Antwort darauf, ob wir etwas Wichtiges ausgeblendet haben in unserem alltäglichen Zusammenleben. Es ist nicht erstaunlich, dass die Erzählung von „Amnon und Tamar”, die von der Vergewaltigung einer jungen Frau durch ihren Bruder handelt, eine ähnliche Bestürzung auslöst: Der biblische Text erzählt direkt und ohne zu beschönigen von der sexuellen Gewalt gegenüber einer Frau. Durch die Auslegungsgeschichte hindurch hat er in der Folge immer wieder Anstoß erregt und die Frage nach den Ursachen und den Verantwortlichen provoziert: Ist nicht Jonadab mit seinem desaströsen Rat an allem schuld? Hätte nicht David als Vater ahnen können, was geschehen wird und den Skandal im Königshaus verhindern oder ihn zumindest im Nachhinein als König verurteilen müssen? Ist nicht die Lüsternheit Amnons, seine blinde Begierde, der eigentliche Auslöser und der „Täter” ein „Opfer” seiner Gefühle? Oder ist vielleicht doch alles ganz anders und Tamar durch ein anreizendes Auftreten beim Kneten des Teiges vor Amnon mitschuldig, dass Amnon die Selbstkontrolle verlor?[1]

Diese Fragen wurden immer wieder an den Text herangetragen und sehr unterschiedlich beantwortet. Während 2Sam 13,1-22 lange Zeit mit Blick auf Abschalom und das Thronfolgethema gelesen und darin eine Erklärung gesehen wurde, weshalb Amnon als Thronfolger ausschied, wurde umgekehrt in jüngerer Zeit die Leidensgeschichte Tamars in den Vordergrund gerückt.[2]

In Hinblick auf die Erzählung in 2Sam 13,1-22 fällt jedoch auf, dass die Figuren nicht isoliert vorkommen, sondern aufeinander reagieren und eine Entwicklung durchleben: Die Erzählung präsentiert sich als ein dichtes Beziehungsgeflecht von Charakteren, die namentlich erwähnt werden oder anonym auftauchen. Bereits bei ihrer Einführung werden die Figuren mit zahlreichen Zusatzinformationen versehen: Mit der Nennung der Namen verbunden, sind erstens – was nicht ungewöhnlich ist – die jeweiligen Verwandtschaftsbeziehungen (beispielsweise , dwd-Nb, twx)) [3] respektive das Verhältnis ((r V. 3) oder die soziale Stellung (Klm V. 21). Zweitens werden die Figuren durch zusätzliche Adjektive näher charakterisiert („schön”, hpy oder „weise” , Mkx), und schließlich drittens die emotionale Bindung der Figuren untereinander beschrieben: Amnon liebt Tamar (V. 1.4), später hasst er sie (V. 15). David liebt Amnon (V. 21), [4] Abschalom dagegen hasst diesen (V. 22) etc. [5] Diese Beobachtungen verlangen meines Erachtens nach einem systemischen Zugang, der die Interaktionen der Figuren untereinander zu verstehen versucht und danach fragt, wer die Handlung und die direkte Rede bestimmt und wie die Figuren miteinander in Beziehung gesetzt werden. Teilweise wurden diese Fragen bereits mithilfe der Sprechaktanalyse beantwortet. [6] Doch geht es mir im Folgenden weniger um die einzelnen Charaktere als um deren Vernetzungen, Abhängigkeiten und soziale Dimensionen. Mit Hilfe einer Systemhermeneutik soll verdeutlicht werden „dass das Verhalten einzelner Menschen als Ausdruck, Folge und wirkungsvolles Moment des jeweiligen Beziehungssystems […] verstanden werden kann”. [7] Obwohl es sich dabei nicht um eine literaturwissenschaftliche Methode, sondern einen Ansatz aus der Psychologie handelt, wird dieses spezifische Interpretationsmodell sozialer Wirklichkeit im Folgenden auf den biblischen Text in 2Sam 13,1-22 übertragen.

In einem ersten Schritt werden dabei in einer Art Soziogramm die Relationen der in 2Sam 13,1-14 vorkommenden Figuren dargestellt:

Schema 1

s1

Bereits in diesem einfachen Schema wird die enge Verknüpfung der Figuren durch die zahlreichen Befehle deutlich.[8] Jonadab befiehlt Amnon, was er tun soll (bk# Imperativ, hlx Hitpael, Imperativ u.a.) (V. 5) und dieser führt in V. 6 den Rat aus (Pfeil 1). Amnon bittet den König, es solle doch Tamar zu ihm kommen ()wb Qal Imperfect, kein Imperativ, jedoch mit jussivischer Bedeutung) (Pfeil 2). David befiehlt Tamar (Klh Imperativ, h#( Imperativ) (V. 7) zu Amnon zu gehen und diese handelt entsprechend in V. 8 (Pfeil 3). Amnon befiehlt allen, hinauszugehen ()cy Hifil, Imperativ) und alle gingen hinaus (V. 9) (Pfeil 4). Dann befiehlt Amnon Tamar, sich zu ihm zu legen (bk# Imperativ) (Pfeil 5) – Tamar jedoch gehorcht ihm nicht, im Gegenteil, auch sie reagiert mit einem Befehl: rbd (Piel, Imperativ) (V. 13) (Pfeil 6).[9]

Erst danach folgt die Gewalttat Amnons, an die weitere Befehle anschließen. Für die zweite Hälfte des Textes, 2Sam 13,14-22, ergibt sich folgendes Schema, wobei auch hier jeweils nur die Figuren und Relationen aufgezeigt werden, die auch ausdrücklich erwähnt werden (so werden beispielsweise Amnon respektive Abschalom nicht mehr als „Söhne Davids” bezeichnet und entsprechend wurden auch die Pfeile entfernt):

Schema 2

s2

Amnon schickt Tamar mit zwei kurzen, knappen Befehlen weg (Mwq Imperativ, Klh Imperativ V. 15) (Pfeil 7). Da sie sich jedoch weigert, Folge zu leisten, befiehlt er seinem Diener (xl# Imperativ, l(n Imperativ), sie vor die Tür zu stellen und dieser führt in V. 18 den Befehl aus (Pfeil 8). Schließlich mündet die Erzählung in einen letzten Befehl Abschaloms an Tamar, nämlich sie solle schweigen (#rx Hifil, Imperativ) (Pfeil 9). Vordergründig geht es bei diesen Interaktionen der Figuren also um Gehorchen und Sich Widersetzen, Befehlen und Ausführen. Im Hintergrund steht jedoch auch das stumme und tatenlose Zuschauen der Dienerschaft Amnons, Davids unwissendes Mithandeln und sein anschließend wissendes Nichts-Tun, Tamars öffentliches Schreien und ihr anschließendes Verstummen im Haus ihres Bruders.

Die oben aufgezeichneten graphischen Darstellungen sind schematische Momentaufnahmen und vernachlässigen zweierlei: Zum einen stellen sie lediglich sehr plakativ die Interaktionen, das heißt, das wechselseitige aufeinander bezogene Handeln zwischen Akteuren, also das Geschehen zwischen Personen, die aufeinander reagieren, miteinander reden, einander beeinflussen und steuern, dar. Zum anderen geben sie die Entwicklung innerhalb der Erzählung und die mit ihr fortschreitenden Änderungen des Beziehungsgefüges nur beschränkt wieder. Dem soll im Folgenden, ausgehend von den einzelnen Figuren, nachgegangen werden.[10] Im Zentrum stehen dabei die „zerrütteten Beziehungen innerhalb der Königsfamilie”.[11]

2. Abschalom

Nach einer einleitenden Formel (Nke-yrExa)a yhiyw: vgl. Ri 16,4; 1Sam 24,6; 2Sam 2,1; 8,1; 10,1; 21,18; 2Kön 6,24 u.a.) findet als erstes „Abschalom”, dessen Schwester Tamar ist, Erwähnung. Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet er, der lediglich am Ende der Erzählung eine „Nebenrolle” spielen wird (V. 20f.), diese prominente Position zu Beginn einnimmt.[12] Ein möglicher Grund dafür wird erst im weiteren Verlauf der sogenannten „Thronfolgeerzählung” deutlich, nämlich wenn Abschalom die Schandtat Amnons nicht folgenlos bleiben lässt und für seine Schwester Rache nimmt (2Sam 13,23-39). Obwohl also 1Sam 13,1-22 als abgeschlossene literarische Einheit verstanden werden kann, ist dieser erste Vers an der Spitze zugleich als Prolog zu einer ganzen Reihe von weiteren Erzählungen (1Sam 13,23-19,16) zu verstehen, in denen Abschalom als Protagonist fungiert.[13] Da Abschalom aus 2Sam 3,3 als dritter Sohn Davids und der Maacha, der Tochter Talmais, des Königs von Geschur, bekannt ist und Davids zweiter Sohn, Kilab, sonst nirgends mehr erwähnt wird, ist er nach Amnon also der nächste in der Reihe potentieller Thronfolger, was die Spannung der Erzählung – setzt man diese Information voraus – gleich zu Beginn erhöht. Als „unbeteiligter Beteiligter”[14] überschattet Abschalom die ganze Erzählung. Er ist wesentlich dadurch in der Erzählung präsent, dass er für sich aus dem schlimmen Vorfall einen positiven Nutzen zieht und den Anspruch erhebt, Thronfolger zu werden. Damit wird er zum eigentlichen Profiteur dieses Skandals im Königshaus.

Insbesondere aber sein ambivalentes Verhalten Tamar gegenüber in V. 20f. hat ihm immer wieder Kritik eingebracht: Als Abschalom Tamar sieht, äußert er sogleich eine Vermutung, was vor sich gegangen ist und wer der Täter sein könnte und fragt daher seine Schwester eher suggestiv: „War dein Bruder bei dir?” Der dabei verwendete Ausdruck K7m@f(i hyfhf ist ein Euphemismus für die Vergewaltigung, die tatsächlich geschah.[15] Im Folgenden wird nicht klar, ob er versucht, seine Schwester zu trösten[16] oder ob er sie zum Schweigen bringen will.[17] Die direkte und indirekte dreimalige Aufforderung, nicht über den Vorfall zu reden, spricht eher für Letzteres: Zuerst folgt der kurze Befehl „Schweige!”, danach die Anweisung mit der Begründung, dass Amnon ihr Bruder sei, die Sache nicht in der Verwandtschaft auszuplaudern[18] und schließlich die Beschwichtigung, Tamar solle sich das Geschehene nicht zu Herzen nehmen. Dennoch ist es möglich, in ihm den solidarischen Bruder zu sehen, der im Gegensatz zu David, der seine väterlichen Pflichten vernachlässigt, Tamar gegenüber seine brüderlichen Pflichten wahrnimmt und seine Schwester in sein Haus aufnimmt (V. 20).[19] Diese Einschätzungen machen meines Erachtens deutlich, dass ihn der Erzähler als einen Mann zeichnet „whose mind works on many levels”:[20] So ignoriert Abschalom nicht zuletzt seinen eigenen Ratschlag, die Sache nicht so zu Herzen zu nehmen, wenn er in der nachfolgenden Erzählung als „anarchischer Bluträcher”[21] agieren wird.

3. Jonadab[22]

Jonadab wird als „Freund” ((r, beziehungsweise in der LXX e9tai=roj) Amnons und gleichzeitig als ein Neffe Davids eingeführt, womit seine enge Zugehörigkeit zum Königshaus und seine guten Kenntnisse der Familienverhältnisse unterstrichen werden. Wer als „Freund des Königs” bezeichnet wurde, trat häufig in beratender Funktion auf (vgl. 2Sam 15,37; 16,16; 1Kön 4,5 u.a.), und so kann hier eine Doppelrolle Jonadabs vermutet werden: Einerseits fungiert er als persönlicher Freund, dem die Sorgen Amnons auffallen und der ihn daher liebevoll auffordert, diese doch mit ihm zu teilen, andererseits nimmt er die Position eines Beraters ein, der im Verdacht stehen könnte, auch anderweitige Interessen des Königshauses zu verfolgen.[23] Bereits Jonadabs Position und sein Verhältnis zu Amnon ist also als schwierig zu umschreiben, und genauso missverständlich ist auch sein Verhalten, denn obwohl sein Ratschlag an Amnon in direkter Rede wiedergegeben wird, bleibt unklar, was er ihm wirklich zu tun empfiehlt. Folgt man dem Text, so rät er zunächst einmal, sich ins Bett zu legen und krank zu stellen (V. 5). Aber ist Amnon nicht schon krank (V. 2) und wird nicht genau sein schlechtes Ergehen zum Auslöser, weshalb Jonadab überhaupt zur Vertrauensperson Amnons wird, dem er seine Liebessorgen anvertrauen kann (V. 4)?[24] Vielleicht ist es so, dass Jonadab Amnon dabei hilft, einen Nachteil, nämlich sein Kranksein, in einen Vorteil zu verwandeln, nämlich den, einen guten Vorwand zu haben, seine schöne Schwester zu sich kommen zu lassen.[25] Genau hierfür muss aber auch David in den Plan einbezogen werden.[26] Der Rat Jonadabs endet mit der in direkter Rede mitgeteilten Botschaft an den König: Tamar soll zu ihm, Amnon, kommen und ihm Krankenkost zubereiten. Offen bleibt, was danach, wenn Tamar also die Kuchen gebacken hat, geschehen soll und mit welchen Folgen Jonadab gerechnet hat: War die Vergewaltigung geplant und sollte aus dieser eine Art arrangierte „Zwangsehe” hervorgehen (vgl. Dtn 22,28f. sowie Ex 22,15)?[27] Oder muss man Hinterlist vermuten und annehmen, dass Jonadab bereits mit einer Bestrafung Amnons rechnete und diesen Thronnachfolger taktisch geschickt aus dem Weg schaffte, wie seine distanzierte Haltung in 2Sam 13,32 vermuten lassen könnte?[28] Alles in allem: Wozu riet Jonadab Amnon genau und wie durchdacht war sein Plan? Die Frage nach der Komplizenschaft Jonadabs bleibt innerhalb der Erzählung offen. Dennoch kann festgehalten werden, dass Jonadab – anders als Amnon, der krank wird und unfähig ist, eine Lösung zu suchen, die ihn aus seiner emotionalen Lage befreien würde – aktiv wird und die Handlung vorantreibt (vgl. oben Schema 1, Pfeil 1). Dabei wird er vom Erzähler als ein „sehr weiser Mann” (d)&m; Mkfxf #$y)i bdfnwOyw:) beschrieben. Der Begriff „weise”[29] „is customarily used in a positive sense”.[30] Angesichts des verhängnisvollen Rates Jonadabs fragt sich deshalb, welches Weisheitsverständnis hinter dieser Charakterisierung Jonadabs durch den Erzähler steckt.[31] Vermutlich ist Weisheit in diesem Kontext nicht unbedingt moralisch zu verstehen,[32] sondern bedeutet im hier verwendeten Sinn „scharfsinnig”, „trickreich” und „klug”.[33] Entsprechend der Verwendung des Begriffs für die Frau von Abel (2Sam 20,22), die sich durch ihre Klugheit (htmkxb) durchzusetzen vermag, wäre die Bedeutung auch hier: „durch Sachverstand und praktische Vernunft ein Ziel verwirklichen”.

4. David

Auch die Bedeutung Davids in 2Sam 13,1-22 ist nicht zu unterschätzen:[34] Sein Name wird viermal erwähnt (V. 1.3.7.21), zudem tritt er direkt oder indirekt als „König” (V. 6.21) und „Vater” (V. 5) auf. Ähnlich wie bei Jonadab kommt es also auch hier zu einer Vermischung der Rollen, insofern der „Vater” gleichzeitig auch der „König” ist. Jedoch spielt David weder als Vater noch als König eine aktive Rolle: In V. 6f. wird er – ohne es zu wissen – zum Ausführenden des Planes Jonadabs (vgl. Schema 1, Pfeile 2 und 3).[35]

Es fragt sich freilich, ob er wirklich nicht ahnen konnte, was geschehen würde, nachdem in der Rede Amnons doch recht deutlich „with the equivalence between eating and sex”[36] gespielt wird. Erstaunlich ist zumindest, dass Davids Aufforderung an Tamar wesentlich kürzer ist als die Formulierung des Ratschlages Jonadabs und dann Amnons eigene Bitte.[37] Zum einen lässt David den Aspekt des Zusehens („damit ich es sehen kann”, V. 6) weg, zum anderen den des Essens „aus Tamars Hand”. David trägt Tamar also lediglich auf, zu Amnon ins Haus zu gehen und ihm Krankenspeise zuzubereiten (V. 7). Es ist nicht auszuschließen, dass dies eine absichtliche Verkürzung des Auftrags durch den Erzähler ist. Will man aber nicht bereits hier David Fehlverhalten beziehungsweise Leichtsinnigkeit zur Last legen, könnte man annehmen, dass die Pflege der Königssöhne durch ihre Schwestern keine außergewöhnliche Situation darstellte, und David grundsätzlich keine Arglist vermuten musste.

In Hinblick auf die Frage nach der väterlichen Verantwortung, wirft die Untätigkeit des „Königs David” (Titel und Name werden hier nacheinander erwähnt) in V. 21 noch weit mehr Fragen auf: Weder ahndet er „als pater familias ein Gewaltverbrechen innerhalb der eigenen Familie, noch setzt er als königlicher Richter die von Tamar angerufene, in Israel geltende Lebensnorm durch”.[38] Weder tut er also etwas gegen Amnon, noch etwas für Tamar. [39] Als er von ihrer Vergewaltigung erfährt, reagiert er mit Wut
(
d)&m; wOl rxay@wai), doch bleibt diese folgenlos. Die Tatsache, dass David als Vater und König mit vielen Handlungsoptionen nichts unternimmt, verlangt nach einer Begründung. Eine mögliche Erklärung, weshalb Davids Zorn folgenlos blieb, liefert die Septuaginta und 4QSam a, wo es heißt, David habe Amnon deswegen nicht bestraft, weil er sein Erstgeborener sei und er ihn liebte.[40] Ein möglicher innerliterarischer Grund für Davids tatenloses Zusehen ergibt sich ferner aus der Batscheba-Urija-Geschichte in 2Sam 11: David ist darum seinem Sohn gegenüber wie gelähmt, weil er im Grunde das Gleiche zu verantworten hat.[41]

5. Amnon

Laut 2Sam 3,2 war Amnon, Sohn der Ahinoam, der Jesreeliterin, der Erstgeborene (rkb); gemäß der Septuaginta war dies, wie bemerkt, der Grund besonderer väterlicher Zuwendung und Milde (o#ti h)ga&pa au)to&n o#ti prwto&tokoj au)tou~ h]n 2Sam 13,21).[42] Amnon mag zu Beginn der Erzählung sowohl mit einer gewissen Sympathie als liebeskranker junger Mann erscheinen, als auch als frustrierter und lüsterner Königssohn betrachtet werden.[43] Der Text selber lässt dies offen, allerdings macht V. 2b etwas stutzig, insofern nicht klar wird, was es Amnon unmöglich macht, Tamar etwas anzutun, beziehungsweise, was er ihr denn überhaupt antun möchte.[44] Was immer damit gemeint ist, Amnon bleibt zunächst unfähig, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Stattdessen folgt er ganz genau den Vorschlägen Jonadabs: Er stellt sich krank, und als sein Vater ihn besucht, äußert er den Wunsch, den ihm Jonadab in den Mund gelegt hat. Er verändert nur „ein wenig die Formulierung der Bitte, indem er die Art der gewünschten Speise angibt.”[45] So steht in der Rede Jonadabs in V. 5 zuerst Mxl, „Brot”, danach das Wort hyrb, „Krankenkost” (V. 5.7.10). Amnon hingegen verwendet in seiner Bitte den Begriff hbbl (V. 6.8.10).[46]

In der weiteren Erzählung werden die Lesenden schließlich gleichsam in den „Voyeurismus Amnons”[47] hineingezogen, der seiner Schwester zusieht, wie sie die Krankenspeise zubereitet. Dabei wird das „Sehen” im Text mit zwei verschiedenen Begriffen umschrieben, die den visuellen Aspekt betonen: h)r 13,5f. – wobei „sehen” hier auch das „Sehen nach”, also das Besuchen des Kranken meint – und Ny( „Augen” 13,(2).5.6.8).[48] Auf das „Sehen” folgt schließlich das gewaltsame „Nehmen” (, qzx Hifil 13,11.14). Zunächst versucht Amnon Tamar aber zu überreden:[49] Zwar hält er sie bereits fest, doch bittet er sie mit einem auffordernden, verführenden „komm!” (y)wb) und dem liebevollen Zusatz „meine Schwester”, eingeleitet, sich zu ihm zu legen (bk#).[50] Nach diesem verbalen Übergriff und Tamars geschickter und kluger Gegenrede, wird die Vergewaltigung selbst in drei kurzen Sätzen sehr knapp skizziert: Und er überwältigte sie und tat ihr Gewalt an und lag bei ihr (V. 14).[51]

Nach dem Gewaltakt konzentriert sich der Erzähler auf die Gefühlswelt Amnons:[52] Nachdem es bereits in 2Sam 13,1 geheißen hatte, dass er seine Schwester Tamar liebte und deswegen in Not geraten ist (rrc V. 2), verkehrt sich nun diese Liebe unvermittelt in Hass. Ja, „der Hass, mit dem er sie hasste, war größer als die Liebe, mit der er sie liebte” (V. 15).[53] bh) (V. 1.4) meint dabei nicht lediglich ein blindes Begehren, sondern die gesamte Bandbreite liebender Gefühle.[54] Der Hass (h)n#) Amnons, der eigentlich sich selbst und seiner eigenen Tat gilt, richtet sich mit großer Intensität gegen Tamar;[55] seine Schuldgefühle äußern sich unwillkürlich in Ekel und erneuter Gewalt. Brutal schickt er Tamar nun weg: Amnon befiehlt seinem Diener „diese da” (t)zO-t)e) hinaus zu werfen und die Tür hinter ihr zu versperren, „damit sie ihn nicht wieder belästigen könne”.[56] Dabei ist Amnons Rede in V. 15, im Gegensatz zu seiner einladenden Aufforderung in V. 11 ein kurzer, knapper Befehl.[57] Ohne Tamars neuerlicher Rede zuzuhören, stösst er sie in die soziale, psychische und moralische Isolation.[58]

6. Tamar

Der Erzähler spricht sowohl von Tamar als Schwester Amnons (V. 2) als auch umgekehrt von Amnon als Bruder Tamars (V. 8.10) und entsprechend wird auch in der direkten Rede Jonadabs (V. 5), Amnons (V. 6.11), Davids (V. 7) und Tamars selbst (V. 12.16) die geschwisterliche Beziehung erwähnt.[59] Im Gegensatz zu Abschalom und Amnon, die als „Söhne Davids” (dwd-Nb) eingeführt werden, wird Tamar jedoch nie als „Tochter Davids” bezeichnet. Und ähnlich spricht auch Tamar selbst in V. 13 distanziert vom „König” und nicht vom „Vater”. Es herrscht hier also im dichten Gewebe der Beziehungen und Interaktionen eine auffällige Lücke (vgl. Schema 1 und 2)! Bereits daraus wird ersichtlich, dass Tamar ein „Opfer mangelnder väterlicher Achtsamkeit und mangelnden väterlichen Rechtsschutzes”[60] ist. Zweimal wird ferner betont, dass Tamar eine Jungfrau (hlwtb V. 2)[61] ist und ein sie auch gegen außen als solche kenntlich machendes Kleid trug, wie es die Töchter des Königs (Klmh-twnb) – hier werden die Prinzessinnen erwähnt, auch wenn Tamar selbst nie direkt als eine solche bezeichnet wird! – zu tragen pflegten, solange sie Jungfrauen waren (V.18),[62] und ein eigenes Haus bewohnte (V. 7). Beschrieben wird sie ferner ausdrücklich als „schön” (hpy beziehungsweise kalh_ tw|~ ei}dei sfo&dra).[63]

Auf der Handlungsebene erscheint Tamar gleich zu Beginn sehr aktiv, wenn sie den Auftrag ihres Vaters sehr präzise und pflichtbewusst ausführt: So geht sie beispielsweise nicht zu Amnon, sondern ins Haus Amnons „d.h. ihr Ziel ist es nicht, den Kranken zu besuchen, sondern eine Aufgabe zu erfüllen (Demgegenüber heißt es von David, der den kranken Amnon besucht, in V6: ‚Der König kam, ihn zu sehen’).”[64] Zudem erwähnt der Text explizit, dass sie die Pfanne vor Amnon „ausgießt” (V. 9) und also nicht beabsichtigt, dem kranken Bruder die Krankenkost einzugeben, denn davon handelte der Auftrag des Vaters auch nicht (V. 7).[65] Die zahlreichen Verben (V. 8: Klh,, xql, #wl, bbl, l#b, V. 9: xql, qcy)[66] unterstützen den Eindruck, dass Tamar „voll und ganz mit der Erfüllung ihrer Aufgabe beschäftigt ist”.[67] Dabei ist sie keineswegs naiv, wie ihr unterstellt wurde,[68] insofern sie – vom Vater geschickt – keinerlei Grund zur Befürchtung haben muss und es für sie wohl selbstverständlich war, einen kranken Bruder (x) wird in V. 10 erneut betont) zu pflegen.

Dies alles sind meines Erachtens gewichtige Argumente, die gegen eine unglückliche Liebesgeschichte und die Annahme von Tamars anfänglicher Zuneigung für Amnon sprechen.[69] Dies widerspicht jedoch nicht der Beobachtung, dass „mit deutlichen, erotischen Komponenten erzählt wird”:[70] So bedeutet beispielsweise das Verbum „zubereiten” (bbl) auch „durch Liebe verzaubern” (2Sam 13,6.8; Hld 4,9).[71] wynfy( l; bb@, lat@;wa könnte somit auch folgendermaßen verstanden werden: „Sie erobert sein Herz, während er sie anblickt, d.h. sie erweckt mit ihrem Aussehen seine Begierde […].”[72] Fälschlicherweise wurde in diesem Zusammenhang jedoch häufig eine aphrodisierende Implikation der beiden herzförmigen Kuchen (hbbl V. 6.8.10) angenommen:[73] Eine Bedeutung von Herz (beispielsweise wegen der Form der Speise oder weil sie das Herz stärkt) ist nicht auszuschließen,[74] jedoch darf daraus kein Zusammenhang mit “Liebe” angenommen werden.[75]

Tamar handelt aber nicht nur nicht naiv, sie ergreift auch zweimal das Wort, spricht äußerst klug und umsichtig zu Amnon und präsentiert diesem wirkliche Lösungsvorschläge – wobei jedoch auch dies umstritten ist und angenommen wurde, Tamar mache Amnon den Vorschlag beim König um ihre Hand anzuhalten, um Zeit zu gewinnen und nicht weil dies eine durchaus mögliche Alternative gewesen wäre.[76] In ihre Rede integriert Tamar ganz unterschiedliche Kommunikationsebenen: So beginnt ihre unmittelbare Reaktion mit einem entsetzten Aufschrei: „Nicht doch, mein Bruder!” (V. 12, wobei sich l) dreimal wiederholt), danach appelliert sie an Amnons Moral und führt ihm die Konsequenzen seines Handelns vor Augen (V. 12). Schließlich versucht sie, sein Mitleid zu erregen (V. 13) und wagt es, ihm einen konkreten Handlungsvorschlag zu machen. Alles in allem fordert sie Amnon auf, sich ihr, aber auch den Traditionen in Israel und sich selbst gegenüber respektvoll zu verhalten.[77] Tamar erscheint hier in ihrem Widerstand „to be extremely strong”.[78] Danach scheint sich Tamar auch körperlich zur Wehr zu setzen – jedoch bleibt sie erfolglos.[79] Man mag einersetis festhalten, dass Tamars Widerstand nicht aggressiv ist, sondern sich an den traditionellen, weiblichen Rollen orientiert.[80] Gleichzeitig zeugt er aber andererseits von einem „Höchstmaß an Selbstbeherrschung und rhetorischer Überlegenheit”.[81]

Tamars zweite Rede, nach der Vergewaltigung, ist wesentlich kürzer (V. 16).[82] Auch diesmal verweigert sie einen Befehl (Schema 2, Pfeil 7): Sie will sich nicht wegschicken lassen mit der Begründung, dass dieses Unrecht noch größer sei als dasjenige zuvor. Nach Ex 22,15 und Dtn 22,28f. ist ein Mann, der eine Jungfrau vergewaltigt, verpflichtet, diese anschließend zu heiraten.[83] Wenn Amnon Tamar nun hinausschickt, begeht er erneutes Unrecht und stößt sie in den gesellschaftlichen Tod, in die Isolation. Insgesamt zweimal erscheint Tamar also in der Position der Opponentin.[84]

Tamars Gefühle bleiben – abgesehen von der Trauer, die sich in typischen „Trauerriten” (Staub auf den Kopf streuen, das Kleid zerreißen, die Hand auf den Kopf legen und schreien) äußert, und die der Erzähler hier nacheinander aufzählt[85] – weitestgehend verborgen: Willig tut sie erst, was ihr vom Vater (2Sam 13,7f.) geboten wird, widersetzt sich dann durch kluge Worte ihrem Halbbruder und geht ihr Schicksal laut beklagend davon.[86] Sie selbst wird dabei „through and through expression of her utter despair and defeatedness […]: hand and voice and movement”.[87] Damit macht sie das Unrecht, das ihr getan wird, auch öffentlich.[88] Als Geächtete (Mm#) wird sie von nun an nicht mehr in ihrem, sondern im Haus Abschaloms wohnen.[89] Während also die Erzählung mit den Gefühlen Amnons beginnt und sich alles um ihn dreht und das Zentrum der Erzählung sein Bett (bk#m) ist, stehen die Lesenden am Ende mit Tamar draußen, vor verschlossener Tür.[90]

7. Der namenlose Diener[91]

Abgesehen von den namentlich eingeführten Personen, kommen anonyme Figuren vor, die häufig gar nicht wahrgenommen werden. So wird in V. 7, wenn David zu Tamar ins Haus schickt, ein Botengang erwähnt, ohne dass jedoch ein Bote genannt würde. Und dass Tamar und Amnon nie allein sind, wird deutlich, wenn der Erzähler ausführlich das Vorgehen des liebeskranken Amnon, der mit Tamar allein sein will, schildert: Auf den Befehl Amnons „jedermann” (#y)-lk zweimal V. 9) solle den Raum verlassen, folgt die Bestätigung, dass dies auch tatsächlich geschah und nun jedermann hinausgegangen war.[92]

In V. 17 wird dann jedoch erneut deutlich, dass sich Amnons Personal, das er in V. 9 hinausgeschickt hatte, immer noch in Hörweite befand: Amnon ruft einen Diener herbei und befiehlt ihm, Tamar nach draußen zu bringen und die Tür hinter ihr zu verriegeln. Es ist auffällig, wie höflich Amnon zu seinem Diener ist und wie brutal er über seine Schwester Tamar spricht (t)zO-t,).[93] In V. 18 bekräftigt der Erzähler erneut, dass der Auftrag Amnons genau so ausgeführt wurde.

Dieser anonyme Diener verdeutlicht meines Erachtens zweierlei: Erstens konzentriert sich seine Funktion innerhalb der Erzählung auf seine Aufgabe als „Diener” (r(n): Er führt lediglich Amnons Aufträge aus und hat keinerlei Möglichkeit, sich Amnon und dem geschehenen Unrecht zu widersetzen.[94] In diesem Sinn wird Tamar hier – im Gegensatz zur Szene von Jonadab und Amnon – nicht erneut „Opfer niederträchtiger Männerbündnisse”,[95] aber ihre Demütigung wird dadurch noch vergrößert, dass sie, die Königstochter, von einem Diener abgeführt wird.[96] Zweitens fungiert der Diener indirekt auch als Zeuge. Es wird deutlich, dass das Unrecht nicht lediglich die Folge eines mehrere Figuren einbeziehenden Planes ist – wobei unklar ist, ob das Unrecht selber wirklich zum Plan gehörte –, sondern, dass da jemand in Hörweite war und vermutlich auch das Gespräch zwischen Amnon und Tamar mitverfolgt hat.

8. Schluss

Ein abschließender Blick in die Forschungsgeschichte zeigt, dass die Deutung der Rolle und Funktion der einzelnen Charaktere höchst umstritten ist: Absalom wird als liebevoller Bruder (Jan P. Fokkelmann) und Rächer (Walter Dietrich / Thomas Naumann), der seiner Schwester zur Gerechtigkeit verhilft, dargestellt. Genauso wird aber angenommen, dass er das Unrecht beschönigt (Robert Alter) und zu verheimlichen versucht (Elke Seifert, Fokkelien van Dijk-Hemmes, Rita Burrichter u.a.). Entsprechend erscheint auch Jonadab als Freund Amnons, der diesem nichts Böses ahnend eine Lösung aus seinem Liebeskummer zeigt (Jan P. Fokkelmann und Shimon Bar-Efrat), und gleichzeitig als Komplize und eigentlicher Vorbereiter und Drahtzieher des Verbrechens (Barbara Suchanek-Seitz). Auch David wird in der Forschung ambivalent beurteilt: Während ihm zur Last gelegt wird, dass er das Verbrechen im Königshaus nicht ahndet (Rita Burrichter), wird er ebenso mit der Begründung „die Verführung einer Jungfrau” sei „kein besonders schlimmes Delikt”[97] davon entlastet (Ira Hendlmeier). Nicht nur als Vater ist er unberechenbar, sondern auch als König. Willi-Plein hält gravierende politische Konsequenzen fest: nämlich einen „Riß in die Personalunion zwischen Königtum über Israel und Königtum über Juda und Jerusalem”.[98] Selbst Amnon erregt als liebeskranker, junger Mann eine gewisse Sympathie (Shimon Bar-Efrat) und mag somit als hilflos seinen Gefühlen ausgeliefert erscheinen. Genauso aber wird er zum kaltblütigen Täter stilisiert. Kaum kontroverser könnte jedoch die Figur Tamars eingeschätzt werden: Äußerst stark tritt sie auf, wenn man ihren Worten Beachtung schenkt, zu einem Opfer von männlicher Gewalt wird sie, wenn auf die Tat Amnons der Hauptakzent gelegt wird. So wurde sie als wehrlose Frau bemitleidet oder ihr unterstellt, sie hätte ihren Bruder verführen wollen (Pamela Tamarkin Reis). Selbst der anonyme Diener bekommt verschiedene Facetten, je nachdem ob er als Komplize eines patriarchalen Systems (Silvia Schroer) oder auf seine Funktion als „Diener” und damit selbst als eingebunden in hierarchische Strukturen betrachtet wird.

Dies ist aber noch lange nicht alles: Denn gerade ein Blick in die Forschungsgeschichte zeigt, dass wer immer eine Figur verteidigt oder in Schutz nimmt, einer anderen die Verantwortung zuschiebt: Wer in Jonadab einen Komplizen sieht, entlastet Amnon. Wer behauptet, es ginge um Inzest, und Amnon hätte tatsächlich keinen legalen Weg finden können, seine sexuelle Lust zu befriedigen, nimmt die Rede Tamars nicht ernst.[99] Wer David Leichtsinnigkeit und Naivität unterstellt, bringt Misstrauen in die Familie. Nicht zuletzt an der äußerst disparaten Forschungslage zeigt sich aber, dass Zuschreibungen zu den Figuren wie „positiv”, „moralisch hochstehend” [100] oder „negativ”, „schuldig” dem Text nicht gerecht werden.[101]

Die Untersuchung zur Interaktion der Figuren hat verdeutlicht, dass jede Figur ein Glied innerhalb einer langen Kette darstellt, die nicht unterbrochen werden kann, ohne den Erzählzusammenhang zu stören. So ergibt sich aus den Figuren – „the second character in each of them is the first in the succeeding one” [102] – die Gliederung der Erzählung. Keine ist überflüssig und eine Einteilung in Haupt- und Nebenfiguren von vornherein problematisch,[103] denn jede einzelne ist für den weiteren Gang der Handlung unabdingbar und von der vorangehenden Figur abhängig: der beratende Jonadab genauso wie der unwissende David, der namenlose Diener ebenso wie der beschwichtigende Abschalom. Amnon kann seine Begierde nicht ohne Jonadab stillen, und Jonadabs Plan funktioniert nicht ohne Davids Mitwirken, und die Vergewaltigung wäre nicht geschehen, wenn die Bediensteten Amnon nicht gehorcht hätten und so weiter.

Damit aber noch einmal zurück zur Frage: „Wie konnte das nur geschehen?” Der Text selber beantwortet weder die Frage nach dem Verantwortlichen noch die Frage nach der Ursache des Skandals, die auch als „logical consequence of the dominant power structure”[104] gesehen wurde. Der Erzähler, der die Interaktionen dieses Familiensystems beschreibt,[105] enthält sich eines expliziten moralischen Urteils, beziehungsweise deutet dieses lediglich in den Worten Tamars – etwa durch die Begriffe hlbn[106] und h(r – an. Schließlich ist Amnon – wie der weitere Verlauf der Erzählung (2Sam 13,23-39) zeigen wird – wie einer der „Schändlichen” in Israel (V. 13).[107]

Damit ist die Vergewaltigung in 2Sam 13,1-22 nicht einfach die Tat eines Einzelnen, sondern steht im Kontext von Familienbeziehungen und Komplizenschaft: „Die innerfamiliären Beziehungen tragen ganz wesentlich zum Leiden Tamars bei.”[108] Alles ereignet sich innerhalb der königlichen Familie, aber nicht unter der direkten und indirekten „Mittäterschaft” zahlreicher Einzelfiguren, sondern in deren Interaktion. Dazu bedarf es einer Krankheit und eines Plans, des Gehorchens und nicht Hörenwollens, Schreiens, öffentlich Machens und Beruhigens, das schließlich mit dem Verstummen – oder dem zum Verstummen bringen – endet.[109] Die Vergewaltigung Tamars ist in diesem Sinn weder ein gesellschaftliches Phänomen, durch das Frauen von vornherein als Opfer prädestiniert sind[110] – schließlich kommt Tamar ausführlich und lange direkt zu Wort, und es besteht in dieser sicherlich nicht historischen, sondern „stilisierten”, literarischen Szene durchaus die Möglichkeit, die Geschichte auch anders ausgehen zu lassen – noch ein „individuelles Verbrechen”.[111] Ebenso missverständlich ist es, den Text metaphorisch zu verstehen und zu behaupten, dass „[…] the violence between victim and rapist signifies broader social dynamics”.[112] Denn die Gewalt zwischen den einzelnen literarischen Figuren steht nicht für größere soziale Spannungen, sondern geht direkt auf diese zurück: Beschrieben und beim Namen genannt wird durch den Erzähler zweifellos ein zum Himmel schreiendes Unrecht, aber dies geschieht dezidiert ohne einem einzelnen oder einem sozialen System die Schuld zu geben, sondern vielmehr im Wissen um die Komplexität von familiären Strukturen und Beziehungen.

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[1] Ähnlich auch die Fragen bei Willi-Plein, I. (2002, 109f.).

[2] Zur bisherigen Forschung vgl. Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 258): „Allerdings haben eine einseitige thematische Fixierung auf Abschalom und das Thronfolgethema sowie auf die politischen Ereignisse des Abschalomaufstands die exegetische Aufmerksamkeit zu einseitig auf den Konflikt der potentiellen Thronfolger gelenkt. Person und Schicksal der Tamar schrumpfen damit schnell zur ‚Nebenfigur’ […].” Vgl. Burrichter, R. (1987, 29-33) sowie Seifert, E. (1997, 105).

[3] Bar-Efrat, S. (2008, 245) meint, dass Begriffe, die die familiäre Beziehung anzeigen (beispielsweise „Schwester”, „Bruder”) verwendet würden „to present the actions of the characters in the light of the family relationships between them”.

[4] Vgl. zur Textkritik weiter unten!

[5] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 276): „Consequently, it can be said that this narrative attributes importance to the character’s inner lives over and beyond what is customary in biblical narratives, and that emotions are accorded a place in their own right alongside external behavior and not just beneath it.”

[6] Vgl. Wagner, A. (1997, 234-237); Welke-Holtmann, S. (2004, 103-106); Suchanek-Seitz, B. (2005, 117-127) und sehr ausführlich Müllner, I. (1997).

[7] Morgenthaler, C. (2005, 62).

[8] Vgl. Dietrich, W. (1997, 295). Wagner, A. (1997, 235) unterscheidet hier zwischen Befehlen und Bitten )n (in den V. 5.6 und 7)

[9] Vgl. Fokkelman, J. P. (1981, 113): „Up to v. 10, the pattern of command / request + execution implies with respect to Amnon that all his commands are promptly carried out. Then comes the big shock. Tamar, who was still obedient in v. 10, radically interrupts this pattern twice.”

[10] Vgl. zum Zusammenhang zwischen „plot and character in narrative” beispielsweise Reinhartz, A. (1993, 118).

[11] Was nach Bar-Efrat, S. (2009, 124) Hauptthema der Erzählung ist. Vgl. auch Burrichter, R. (1987, 33f.) „Ansätze zur Bestimmung der innerfamiliären Beziehungen als Hintergrund der Erzählung”.

[12] Vgl. Cartledge, T. W. (2001, 533f.); Bar-Efrat, S. (42008, 241) u.a.

[13] Vgl. Fokkelman, J. P. (1981, 101) sowie Vermeylen, J. (2000, 325). McCarter, P. K. (1986, 327): „The story of the rape of Tamar and its consequences in chaps. 13 and 14 stands as a prologue to the account of Abishalom’s rebellion in chaps. 15-20.”

[14] Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 257): „Abschalom, an hervorragender Stelle innerhalb der Exposition genannt, überschattet als unbeteiligter Beteiligter die ganze Handlung, obwohl er erst am Ende aktiv in Erscheinung tritt.”

[15] Alter, R. (2000, 470) u.a.

[16] Vgl. dazu Fokkelman, J. P. (1981, 110): „Undoubtedly, he will have tried to console her as best he can […].” Anders jedoch Burrichter, R. (1987, 20): „Wird die Klage Tamars aber als rituelle Umsetzung ihrer Reflexionen zur Gewalttat angesehen, so wird deutlich, daß die Worte Absaloms gar nicht Trost sein sollen.”

[17] Abschalom versucht hier – so Schroer, S. (1992, 172) – die ganze Angelegenheit wenig überzeugend „herunterzuspielen”. So auch Willi-Plein, I. (2002, 109). Und noch radikaler van Dijk-Hemmes, F. (1989, 145): „Absalom forces his sister to be silent.” Ähnlich auch Seifert, E. (1997, 109): „Um der Familienloyalität willen soll das Verbrechen heruntergespielt werden […].”

[18] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 133).

[19] So zum Beispiel Bar-Efrat, S. (2009, 124): „Abschalom handelt im Einklang mit seiner brüderlichen Pflicht Tamar gegenüber, während Amnon im Gegensatz dazu handelt.”

[20] Cartledge, T. W. (2001, 540).

[21] Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 262).

[22] In 4QSama und der lukanischen Version der LXX steht der Name Jonatan. Dies ist der Name eines Sohnes Schimeas der in 2Sam 21,21 erwähnt wird. Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 126) und McCarter, P. K. (1986, 316).

[23] Alter, R. (2000, 465) betont die beratende Funktion Jonadabs am Königshof und argumentiert mit der Charakterisierung als „weise”, die „the technical sense of counselor” wahrscheinlich mache. Ausführlich dazu auch McCarter, P. K. (1986, 321). Suchanek-Seitz, B. (2005, 44) bezeichnet ihn als „‚gewieften’ Berater”.

[24] Darin ist jedoch wohl kaum ein Grund zu sehen, 2Sam 13,3-5 zur sekundären Bearbeitung zu erklären, wie dies beispielsweise Vermeylen, J. (2000, 325f.331) tut. Vgl. ausführlich dazu auch Seiler, S. (1998, 90f.).

[25] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 247).

[26] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 247): „[…] Jonadab makes the king (an active) partner […].”

[27] Vgl. dazu Fokkelman, J. P. (1981, 109): „[…] I consider it improbable that the Jonadab of 13:4-6 had already cynically premeditated rape.” So auch Bar-Efrat, S. (42008, 249f.). Anders dagegen Seifert, E. (1997, 106): „In allen Einzelheiten können die Leserin und der Leser mitverfolgen, wie die Tat geplant wird […].” Ebenso spricht Suchanek-Seitz, B. (2005, 44) von einem „Plan der Vergewaltigung” und einer „Vorbereitung des Verbrechens”.

[28] Jonadab spielt in dieser Erzählung nur am Anfang (2Sam 13,3-5) eine Rolle; danach taucht er nicht mehr auf. Später aber wird er in 2Sam 13,32 noch einmal erwähnt und wiederum als „Sohn Schimeas, des Bruders Davids” eingeführt. Dort realisiert er als erster, dass nicht alle Königssöhne getötet wurden, sondern einzig Amnon, denn – so seine Begründung – Abschalom räche sich für die Vergewaltigung seiner Schwester.

[29] Vgl. McCarter, P. K. (1986, 321) und Dietrich, W. / Mayordomo, M. (2005, 36).

[30] Bar-Efrat, S. (42008, 247).

[31] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 247f.): „It is not only because of Jonadab’s astuteness that the narrator’s definition of him as a very wise man should not be regarded as ironic, however. Interpreting a statement as ironic has the effect of inverting its meaning completely, and therefore this should be done only with the greatest circumspection.”

[32] Vgl. Dietrich, W. / Mayordomo, M. (2005, 36).

[33] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 126).

[34] Müllner, I. (1997, 181) sieht David hier als „Integrationsfigur” des Geschehens.

[35] Vgl. Suchanek-Seitz, B. (2005, 120): „Streng genommen wäre der Sprechakt Davids nicht notwendig gewesen, er wiederholt inhaltlich nur die Worte Amnons. Warum David als Vermittler fungiert, muss offen bleiben.”

[36] Alter, R. (2000, 466). Dazu Bar-Efrat, S. (2008, 255): „His phrasing reflects a simple and naïve grasp of the matter.

[37] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 254f.) sowie Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[38] Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 260).

[39] Vgl. Cartledge, T. W. (2001, 540). Vgl. auch Burrichter, R. (1987, 35): „Eine positive Auswirkung der väterlichen Gewalt, wie sie für Amnon und später Absalom auf der Ebene von Vergehen-Zorn-Verzeihung feststellbar ist, gibt es für Tamar nicht, die väterliche Beziehung erschöpft sich im Verhältnis von Herrschaft und Unterordnung. Trost und Mitleid finden darin keinen Raum.”

[40] Vgl. Alter, R. (2000, 471): „But this looks suspiciously like an explanatory gloss, an effort to make sense of David’s silence.” Anders dagegen McCarter, P. K. (41986, 319f.) sowie Vermeylen, J. (2000, 328), die die LXX und damit die längere Version für die ursprünglichere halten. Vgl. ausführlich dazu Dietrich, W. (2007, 123-128).

[41] Dietrich, W. / Mayordomo, M. (2005, 35). Ausführlich zum „Nacheinander der beiden Skandalgeschichten 2 Sam 11f und 2 Sam 13” Dietrich, W. (2007, 118-123) sowie Müllner, I. (1997, bes. 83-142).

[42] Ein ähnliches Verhalten Davids findet sich auch in 1Kön 1,6 Adonija gegenüber.

[43] Vgl. zu ersterem Bar-Efrat, S. (2008, 243). Gegen Cartledge, T. W. (2001, 534f.): „Amnon first appears as a frustrated man who lusts after his half-sister Tamar, convinced that he is in love with her.” Ebenso Seiler, S. (1998, 96).

[44] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 244): „There is no doubt, that Amnon intended to do something to Tamar, namely, to lie with her, but this is not yet clear at this point.” Fokkelman, J. P. (1981, 104) hält Amnons Handeln hier und im Folgenden für doppeldeutig: „[…] the guile with which he misleads David and Tamar and entices the girl inside, and his true intensions which result in a crime.”

[45] Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[46] Vgl. mehr zum Begriff hbbl weiter unten.

[47] Schroer, S. (1992, 171f.). Vgl. auch Müllner, I. (1997, 168): „Die ausführliche Darstellung Tamars, wie sie von Amnons Augen gesehen wird, reproduziert jene Objektivierung, die sie darstellt. […] Die Sichtbarkeit des Objekts steigert die Erregung des Betrachters.” Vgl. auch Seifert, E. (1997, 106).

[48] Vgl. Fokkelman, J. P. (1981,106) sowie ausführlich Müllner, I. (1997, 165-168).

[49] Vgl. dazu die Erklärung von Bar-Efrat, S. (2009, 129): „Amnon versucht Tamar dazu zu bringen, dass sie sich freiwillig zu ihm legt, und er hält sie fest für den Fall, dass sie dies etwa nicht tut.”

[50] Vgl. zum Begriff bk# Bar-Efrat, S. (2009, 125).

[51] Zu den verwendeten Begriffen vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 265) sowie Luciani, D. (2009, 244-260). Vgl. auch Müllner, I. (1997).

[52] Vgl. zur Frage, ob mit dem Umschlage der Gefühle Amnons „der Täter” entlastet würde Willi-Plein, I. (2002, 110).

[53] Vgl. ausführlich zu V. 14 Fokkelman, J. P. (1981, 107).

[54] Vgl. zum Begriff bh) Bar-Efrat, S. (2008, 242f.) sowie Müllner, I. (1997, 198-201).

[55] Vgl. zu den hier verwendeten Stilmittel Bar-Efrat, S. (2009, 131).

[56] Bar-Efrat, S. (2009, 132). Vgl. auch Alter, R. (2000, 469).

[57] Vgl. zum Aufbau von Amnons Rede Fokkelman, J. P. (1981, 104).

[58] In V. 14 durch hlwqb ergänzt. Nach Bar-Efrat, S. (2009, 132) weist der Unterschied in der Formulierung darauf hin, „dass er sie damals zwar gehört hat, aber nicht auf sie eingehen wollte, während er sie jetzt [V. 16] nicht einmal hörte”.

[59] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 245): „The term ‘sister’ in reference to Tamar, whether with regard to Amnon or Absalom, occurs eight times in this narrative. In addition, the word ‘brother’ in reference to either Amnon or Absalom, occurs nine times (this does not include the word ‘brother’ in v. 3, which refers to the relationship between David and Shimeah).”

[60] Schroer, S. (1992, 173). Vgl. auch Burrichter, R. (1987, 34): „Demgegenüber ist auffällig, daß eine familiäre Beziehung zwischen David und Tamar überhaupt nicht in den Blick gerät.” Vgl. Seifert, E. (1997, 108): David und Tamar werden „sprachlich niemals durch einen familiären Ausdruck einander zugeordnet”. Und noch einmal Seifert, E. (1997, 111): „[…] Tochter und Vater erscheinen sogar in den Texten gänzlich beziehungslos.”

[61] Bar-Efrat, S. (2008, 243) hat darauf hingewiesen, dass sich der Nebensatz )yh hlwtb yk nicht auf den nachfolgenden, sondern auf den vorangehenden Satz bezieht: Weil sie eine Jungfrau war, quälte sich Amnon so, dass er krank wurde, und nicht weil sie eine Jungfrau war, schien es ihm unmöglich, ihr etwas anzutun. Und er führt aus – vgl. Bar-Efrat, S. (42008, 244): „Thus, it is stated that Tamar was a virgin at the beginning of the narrative and that she was one no longer by its end. Amnon loves her intensely when she is a virgin, but rejects her as soon as she ceases to be one.” Anders Alter, R. (2000, 465).

[62] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 132f.), vermutlich ein langes Kleid, das bis zu den Handflächen beziehungsweise Fußsohlen reicht. Ev. auch aus mehreren Streifen angefertigt – so übersetzt LXX und ist es auch auf altorientalischen bildlichen Darstellungen zu sehen. Vgl. Bar-Efrat, S. (42008, 269f.) sowie McCarter, P. K. (41986, 325).

[63] Vgl. zu den textkritischen Unterschieden hier McCarter, P. K. (1986, 315).

[64] Bar-Efrat, S. (2009, 128). Vgl. zur Textkritik wiederum McCarter, P. K. (1986, 316).

[65] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[66] Bar-Efrat, S. (2008, 256f.).

[67] Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[68] Vgl. Reis, P. T. (1997, 48): „But Tamar is not a clever woman.”

[69] In 2Sam 13,1-22 wurden hin und wieder Motive einer tragischen Liebesgeschichte gesehen und von einer Gegenseitigkeit der Beziehung ausgegangen. So beispielsweise bei Reis, P. T. (1997), die zu zeigen versucht, „that the sexual intimacy of Amnon and Tamar is consensual”. Dabei erfährt die Erzählung aber eine entscheidende Umdeutung und werden offenkundige Gewaltstrukturen geleugnet. Vgl. ausführlich dazu Burrichter, R. (1987, 28f.).

[70] Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 260).

[71] Vgl. McCarter, P. K. (1986, 322); Hentschel, G. (1994, 55). Vgl. ausführlich dazu auch Müllner, I. (1997, 219-226).

[72] Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[73] Vgl. Fokkelman, J. P. (1981, 105f.): „evoking the association of an aphrodisiac”. Ebenso Hentschel, G. (1994, 55).

[74] Vgl. Alter, R. (2000, 467); Cartledge, T. W. (2001, 536) sowie Bar-Efrat, S. (2009, 128).

[75] Vgl. dazu ausführlich Willi-Plein, I. (2002, 108).

[76] Vgl. beispielsweise Alter, R. (2000, 468), der davon ausgeht, dass „Tamar is grasping at any possibility to buy time”.

[77] Vgl. Burrichter, R. (1987, 16f.); Cartledge, T. W. (2001, 536); Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 258f.); Suchanek-Seitz, B. (2005, 80f.) sowie Bar-Efrat, S. (2008, 261-264). Zum Aufbau ihrer Rede ausführlich bei Bar-Efrat, S. (2009, 129).

[78] Van Dijk-Hemmes, F. (1989, 145).

[79] Vgl. Seifert, E. (1997, 106) und Bar-Efrat, S. (42008, 265).

[80] Vgl. Seifert, E. (1997, 107f.): „Die in der Erzählung breit geschilderten Mittel des Widerstandes basieren auf einer typisch weiblichen Geschlechterrolle, die es verhindert, daß Mädchen und Frauen sich Handlungskompetenzen erwerben, die sie für erfolgsversprechende Gegenwehr benötigen: Nach dem konventionellen Bild sind Frauen (und erst recht Töchter) nicht aggressiv, konfrontativ, brutal und körperlich stark.” Anders Suchanek-Seitz, B. (2005, 80), die von „heftiger Gegenwehr” spricht.

[81] Wagner, A. (1997, 235).

[82] Nach der Lukianischen – und vermutlich ursprünglicheren – Version der Septuaginta beginnt ihre Rede mit den gleichen Worten wie in V. 12.Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 132).

[83] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 267).

[84] Vgl. Suchanek-Seitz, B. (2005, 81).

[85] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 133): „Die Nennung vieler Trauerriten ist Ausdruck für die Tiefe des Schmerzes.”

[86] Wagner, A. (2006, 40f.) hat darauf aufmerksam gemacht, dass V. 12 eine klare „syntaktische Einbettung” fehlt und deutet dies als „Zeichen besonderer affektiver/emotionaler Erregung”.

[87] Vgl. Fokkelman, J. P. (1981, 110).

[88] Burrichter, R. (1987, 18-24) hat gezeigt, dass die Klage Tamars auch als öffentliche Anklage Amnons verstanden werden kann. Vgl. ebenso Müllner, I. (1997, 307-314) und Willi-Plein, I. (2002, 112).

[89] Vgl. Schroer, S. (1992, 172).

[90] Vgl. Hentschel, G. (1994, 54). Zu den „Ortsangaben” im Text vgl. Fokkelman, J. P. (1981, 103) und Bar-Efrat, S. (2008, 280f.).

[91] Vgl. dazu ausführlich Reinhartz, A. (1993, 124-126), die zwischen anonymen „courtiers and servants” und „personal servants” in den Samuelbücher unterscheidet und für letztere festhält: „[…] the anonymous personal servant […] plays a typified role, characterized by intimacy, personal devotion, and effacement of self.” So Reinhartz, A. (1993, 126).

[92] Vgl. Bar-Efrat, S. (2009, 129): „w)cyw – im Qal und nicht im Hif’il wie im Befehl […], um zu verdeutlichen, dass wirklich alle hinausgegangen sind, auch die, die etwa von sich aus gegangen waren.” Vgl. auch Müllner, I. (1997, 182): „Die primäre Funktion des Kollektivs, dessen einzige Funktion darin besteht wegzugehen, ist, das Alleinsein von Amnon und Tamar zu denotieren. Wer damit gemeint ist, wird nicht gesagt.”

[93] Vgl. Alter, R. (2000, 470).

[94] Reinhartz, A. (1993, 131f.) führt aus: „Hence these characters remain anonymous not only in the sense that the narrator does not name them but also in the sense that they are pure agents, in whom the narrator appears completely uninterested as unique and discrete individuals.”

[95] Schroer, S. (1992, 173).

[96] Vgl. Bar-Efrat, S. (2008, 268).

[97] Hendlmeier, I. (1982, 76).

[98] Willi-Plein, I. (2002, 113).

[99] Vgl. zum rechtlichen Hintergrund, respektive der Frage, welche Verhaltensnorm von Amon im Einzelnen gebrochen wird – ob Inzest oder vorehelichen Geschlechtsverkehr – vgl. Dietrich, W. / Naumann, T. (2005, 258-260) u.a. Vermeylen, J. (2000, 327.332) findet auch hierfür redaktionskritische Argumente.

[100] Suchanek-Seitz, B. (2005, 45) spricht von Tamar als „Sympathieträgerin”.

[101] Vgl. Seiler, S. (1998, 97): „Tamar wird vom Erzähler sehr positiv beurteilt.” Ebenso überzeichnend Seiler, S. (1998, 100): „Amnon wird vom Erzähler als unbeherrschter Mann gezeichnet, der sich allein von seinen sexuellen Begierden bestimmen läßt und rücksichtslos seine Ziele verfolgt. Tamar gilt als schöne, gehorsame [sie gehorcht ihrem Bruder gerade nicht!], besonnene und moralisch hochstehende Frau.” Vgl. zudem zur Frage nach „Schuld” auch van Dijk-Hemmes, F. (1989, 145).

[102] Bar-Efrat, S. (2008, 278f.). Vgl. zur Gliederung der Erzählung ausführlich Fokkelman, J. P. (1981, 99-102) sowie Müllner, I. (1997, 143-165).

[103] Vgl. so beispielsweise Vermeylen, J. (2000, 324f.): „Jusqu’au v. 19, les deux personnages principaux sont Amnon et Tamar.” Seiler, S. (1998, 96-99) gliedert seine Kapitel nach Amnon, Tamar, David und Abschalom.

[104] Van Dijk-Hemmes, F. (1989, 136).

[105] Schließlich ist auch der Erzähler, Teil des Systems, denn, „Wer ein System beobachtet, definiert mit seinen Perspektiven mit, was und wie ein System ist und wird, und ist deshalb Teil eines sich selber weiterentwickelnden Bedeutungszusammenhangs.” – so Morgenthaler, C. (2005, 71).

[106] McCarter, P. K. (1986, 322f.327f.); Keefe, A. A. (1993, 82f.), Seifert, E. (1997, 106) sowie Müllner, I. (1997, 272-292). Vgl. ebenfalls Burrichter, R. (1987, 17).

[107] Vgl. Willi-Plein, I. (2002, 112): „Der Erzähler schreibt kein Polizeiprotokoll über den Tathergang, sondern er läßt bei der Gewalttat, die sich zwischen den beiden Personen ohne Zeugen abgespielt hat, das entscheidende Urteil vom Opfer gesprochen werden.”

[108] So Seifert, E. (1997, 110).

[109] Vgl. Vermeylen, J. (2000, 331). McCarter, P. K. (1986, 328) urteilt: „The initial sacrilege, therefore, will precipitate the destruction of the entire social unit, the family.”

[110] Vgl. das Kapitel „Sexuelle Gewalt und patriarchale Herrschaft” in Müllner , I. (1997, 335-384).

[111] Suchanek-Seitz, B. (2005, 125) führt dazu aus: „Die individualistische Darstellung des Verbrechens zeigt sich an den unterschiedlichen Sprechakten, die beide Figuren charakterisieren.”

[112] Keefe, A. A. (1993, 83).


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Sara Kipfer, geboren 1980, studierte evangelische Theologie in Bern und Heidelberg. Sie ist Doktorandin im SNF (Schweizerischer Nationalfond) für das Projekt zur Erforschung der Samuelbücher von Prof. Dr. Walter Dietrich in Bern.
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© Sara Kipfer, 2010, lectio@theol.unibe.ch, ISSN 1661-3317

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